Der Herr Karl

Ein Österreicher, wie er - von Helmut Qualtinger und Carl Merz - im Buche steht - und wie er 1961 im Fernsehen die österreichischen Gemüter erhitzte.

Der Herr Karl, ein egoistischer Wiener und feiger Mitläufer verharmlost mit Scheingemütlichkeit  seine damalige Begeisterung für das Nazi-Regime. 

In unserer Bundeshymne heißt es „Vielgerühmtes Österreich“ - 

Franz Grillparzer unterstreicht das in seinem Stück „König Ottokars Glück und Ende“:

 

Da tritt der Österreicher hin vor jeden,

Denkt sich sein Teil und lässt die andern reden!

 

Ich fürchte …… das ist nicht mehr ganz aktuell. Grillparzer müsste heute diesen Monolog umschreiben – passend zur Stimmung in unserem Land:

 

Da tritt der Österreicher hin – auf jeden -

Denkt höchstens nur zum Teil – beim Reden.

 

Gegeneinander ausspielen – gehässige Respektlosigkeit – oft völlige Unkenntnis der Zusammenhänge – das ist derzeit leider „in“.

 

Nicht nur in Österreich – auch weltpolitisch.

 

Gäbe es eine hintergründige Tierfabel mit dem Titel

„Der schlaue Fuchs und der unglaublich dumme Kakadu“ – da tauchen vor dem geistigen Auge 2 Personen auf –

Putin und Trump.

"Vielgerühmtes Österreich" kann nicht mehr zeitgemäß sein.

Vielberühmt aber schon. Österreich ist berühmt und  - leider auch berüchtigt – in der ganzen Welt.

Einmal abgesehen von diversen Kindern im Keller,  - von Eisladys mit Leichen – im Keller … von Waffenarsenalen und Nazi-Material – auch in Kellern - sogar die Fahrradln im Keller haben eine niederösterreichische Schimanek-Schaltung - und einen Doppelachter im Vorderradl - wegen der Symbolik....

Aber nein !

Steigen wir doch hinauf in höhere Sphären, in Bereiche, wo wir zu Recht Berühmtheit erlangt haben.

In der Wissenschaft, Musik, in der bildenden Kunst – und in der Literatur.

Peter Handke - H.C.Artmann - Ernst Jandl - Elfriede Jelinek - Felix Mitterer - Johann Nestroy

Peter Rosegger - Peter Turrini - Ingeborg Bachmann - Friederike Mayröcker - Michael Köhlmeier - Josef Weinheber

.... und viele, viele mehr. - Da fällt es nicht leicht, eine Auswahl zu treffen.  - Bleiben wir noch kurz bei den Skandalen.

Thomas Bernhard (1931-1989) sorgte 1988 mit seinem Auftragsstück „Heldenplatz“  zum 50. Jahrestag des Anschlusses Österreichs an Deutschland für einen Skandal.

Und – no na – es geht um unsere politische Vergangenheit - und die große Begeisterung für Hitler, was viele jahrzehntelang nicht wahrhaben wollten.

Im Stück kommt ein Professor vor, der von dieser Vergangenheit verbittert ist, hat resigniert und zeichnet ebenso verbittert ein Bild von der Zukunft Österreichs.

Und diese Textstellen waren es auch, die – aus dem Zusammenhang gerissen - zu teilweise gewalttätigen Protestaktionen geführt haben. 

Burgtheater Aufführung
Burgtheater Aufführung

Der Professor sagt u.a.:

„Ich mische mich in nichts mehr ein. Mein Leben ist ja mehr oder weniger abgeschlossen. – Die Welt ist ja heute nur mehr noch eine zerstörte. – Wo alles nach Zertrümmerung schreit ist die Stimme des Einzelnen zwecklos geworden.

Es ist ja nicht so, dass gegen diese unheilvollen Vorgänge nichts gesagt, nichts geschrieben wird – aber das wird nicht gehört und wird nicht gelesen – die Österreicher hören nichts mehr und sie lesen nichts mehr – und sie tun nichts dagegen. –

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Nazis wieder an der Macht sind, - alle Anzeichen sprechen dafür, – Unter der Oberfläche ist ja der Nationalsozialismus schon längst wieder an der Macht“   (1988 !)

Klaus Eckel geht in seinem neu erschienenen Buch „In meinem Kopf möchte ich nicht wohnen“ die Probleme ganz anders an.

Würde er bei einer Wahl antreten, würde er auf die Wahlplakate schreiben: "Unfair - aber zu allen". 

Da könnten seine Wähler später sagen: "Man kann ihm viel vorwerfen, aber ehrlich war er."

Schon 1996 erschien der Roman "Aus dem Leben Hödelmosers" von Reinhard P. Gruber.

Ein richtiger steirischer Heimatroman - böse, liebevoll, vergnüglich unernst und bizarr.

Hödlmoser, ein Bauer aus Kumpitz, zeugt eines schönen Aprilmorgens auf einem moosbewachsenen Waldweg mit der Kuhmagd Fani ein Kind.  – und so nimmt die Handlung ihren Lauf.

Dazwischen gibt es dann immer wieder Regieanweisungen, die oft noch lustiger sind als die Handlung selber.

Steiermark - das ist resistenz - österreich, das ist labilität (Reinhard P. Gruber)
Steiermark - das ist resistenz - österreich, das ist labilität (Reinhard P. Gruber)

Kommen wir nach Kärnten.

Die vielfach preisgekrönte Autorin Maja Haderlap erzählt in ihrem eindringlichen Roman „Nachtfrauen“ von Mira, die – wie die Autorin selbst – einer slowenischen Minderheit entstammt.

Als Mira in Wien ins Auto steigt, um sich auf den Weg nach Südkärnten zu machen, weiß sie, dass ihr schwierige Tage bevorstehen:

Ihre alte Mutter muss auf den Auszug aus dem Haus vorbereitet werden, in dem sie vor Jahrzehnten als ungelernte slowenische Arbeiterin mit den damals noch kleinen Kindern Obdach gefunden hat. Und jetzt hat einer ihrer Söhne mit dem Haus etwas anderes vor.

Es geht um die alten, unaufgelösten Konflikte, der frühe Tod des Vaters, die unumstößlich göttlichen Regeln der katholischen Kirche und um die Lebensgeschichten ihrer Ahninnen aus 3 Generationen.

Wolf Haas hat einen neuen Roman geschrieben – von Kritikern bejubelt und mit einem auffallenden Cover, wie ihr dort sehen könnt.

Das Werk heißt "Wackelkontakt".

Diesmal hat sich Wolf Haas etwas Besonderes einfallen lassen.

Kennt ihr den niederländischen Maler M.C.Escher (1898-1972) ? Das ist der mit den optischen Täuschungen und unmöglichen Figuren, wo sich z.B. eine Hand selber malt.

Oder wo das Wasser immer BERGAUF zum Wasserfall rinnt.


Ein gewisser Franz Escher wartet auf den Elektriker und liest ein Buch über einen Mafia-Kronzeugen. Und dieser wartet auf seine Entlassung und liest dabei ein Buch über einen gewissen Franz Escher, der auf den Elektriker wartet.

Schwindelerregend und spannend.

H.C. Artmann (1921-2000) war und ist einer der herausragendsten Persönlichkeiten in Österreich, sowohl als Dichter, Schriftsteller und als Mensch. 

Er war eigentlich der erste, der in seinem schon 1958 erschienenen Gedichtband „Med ana schwoazzn dintn“ das Wienerische in lautmalende Schrift übertragen hat. – ein Büchlein, das in keinem Haushalt fehlen sollte.

Und hier noch einige Leseanregungen:

Interessant, dass Herbert Dutzler – eigentlich bekannt für seine humorvollen Altaussee-Krimis um den Dorfpolizisten Franz Gasperlmeier – auch ganz andere Romane schreibt, wie z.B.

„Wenn die Welt nach Sommer riecht“.

Hier geht es um das Aufwachsen in den 70er Jahren – Siegfried denkt zurück an die Zeit, als er 13 war, wo er den Liebreiz von Mädchen entdeckt hat, die Wirkung von Alkohol, die erste Zigarette – wo er erlebte, dass es auch was anderes gibt als das Landleben, die Flower Power Friedensbewegung, Vietnamkrieg, und die gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit. – Und es fühlte sich alles wie Sommer an. 

Es ist der dritte Band einer Reihe über das Aufwachsen, eine Zeitreise durch die Epochen.  -  Nach „Die Welt war eine Murmel“„Die Welt war voller Fragen“ ist der Roman „Wenn die Welt nach Sommer riecht“ erschienen.


Ebenso interessant ist auch der vielfach gelobte Debutroman des Standard-Redakteurs Michael Hausenblas „Der Uhrmacher und das Flüstern der Zeit“  -  Eine alte Dame kommt zu einem Uhrmacher und bittet um die Reparatur einer Sanduhr. Dieser verwirrende Auftrag verlockt den Uhrmacher, dem Wesen der Zeit und der Sinnhaftigkeit des Lebens auf den Grund zu gehen.

Ebenso verwirrend, spannend und faszinierend ist der neue Roman von Michael Köhlmeier. In „Die Verdorbenen“ geht es um einen Studenten, der als Kind den Wunsch hatte, einmal in seinem Leben einen Mann zu töten.

Er schlittert in eine Dreiecksbeziehung und ----  mehr sei nicht verraten.

Daniel Glattauer hat wieder einen tiefgründig witzigen Roman geschrieben. „In einem Zug“.

Ein Autor von Liebesromanen trifft auf der Reise von Wien nach München auf eine Psychotherapeutin und wird in ein Gespräch verwickelt, das ihn gehörig unter Druck setzt. –

Klug, witzig und mit einem überraschenden Ende.

Immer wieder zu empfehlen ist die Textsammlung von Ott Schenk, aus der er in seinem Programm liest.

"Sachen zum Lachen".

Wer das nicht selbst lesen will kauft sich die DVD - eine vergnügliche Reise durch die Literatur mit dem genialen Otto Schenk.

Zum Lachen und Schmunzeln ist auch der satirische Krimi von Joesi Prokopetz "Der Frauenausborger".

In einer Seniorenresidenz wird ein Mann tot aufgefunden, der es zu Lebzeiten als "Sport" betrachtet hat, seinen Freunden die Frau auszuspannen. Nun sucht er in einer Zwischenwelt nach seinem Mörder. Und da gibt es naturgemäß genug Verdächtige....

Alte Postkarte mit Kaiser Franz Joseph
Alte Postkarte mit Kaiser Franz Joseph

Berühmt ist Österreich auch für seine Kaiserzeit – Sisi – was will man mehr?

Und Kronprinz Rudolf.  - Mayerling. - Tragödie.

In dem jüngst erschienenen Roman „Die allerletzte Kaiserin“ von Irene Diwiak geht es um eine Wirtshaustochter namens Claudia Hendl, die eines Tages eine höchst geheimnisvolle Dame im Gasthaus bedient. Diese Dame gibt vor, eine direkte Nachfahrin des Kaisers Franz Joseph zu sein.

Ein gut recherchierter, teilweise humorvoller Roman - auch zum Thema Fakt oder Fake.

Irene Diwiak bei STÖHR im September 2024
Irene Diwiak bei STÖHR im September 2024
Theaterzettel
Theaterzettel

Noch schnell zurück zu den Skandalen.

In dem Stück von Peter Handke verabschiedete man sich 1966 vom Publikum folgendermaßen (kurzer Ausschnitt):

 

Ihr wart eine Bombenbesetzung. Ihr wart die Idealbesetzung. Ihr wart unnachahmlich. Eure Gesichter waren unvergesslich. Eure Komik war zwerchfellerschütternd.

Ihr wart wie aus einem Guss. Ihr hattet heute einen guten Tag. Ihr wart wunderbar aufeinander eingespielt, ihr Tröpfe, ihr Flegel, Ihr Krämerseelen. 

Ihr Damen und Herren ihr, ihr Persönlichkeiten des öffentlichen und kulturellen Lebens ihr, ihr Anwesenden ihr, ihr Brüder und Schwestern ihr, ihr Genossen ihr, ihr werten Zuhörer ihr, ihr Mitmenschen ihr.

 Sie waren hier willkommen. Wir danken Ihnen. Gute Nacht.

Aber nein ! Mit einer Publikumsbeschimpfung können wir nicht auseinandergehen.

Daher noch ein heiteres Gedicht von Anton Krutisch aus dem Band "Wiener Lavendel".

Auch hier kommt die österreichische Seele wieder zum Vorschein - SCHADENFREUDE

Unlängst, wia’s so stark hat gregnet,

is mir was Komisches begegnet,

des hat mir zeigt, dass d’ schenste Freud

die Schadenfreud is für die Leut. 

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